Arbeiter aus Okinawa auf den japanischen Hauptinseln

doka tashaKishi, Masahiko (2013): Dōka to tashaka – Sengo Okinawa no hondo shūshokushatachi [Assimilierung und Othering – Arbeiter aus Okinawa auf den japanischen Hauptinseln in der Nachkriegszeit]. Nakanishiya-shuppan: Kyōto. 450 Seiten. 3888 Yen. ISBN: 978-4779507236

 

 

Kishi analysiert in seinem Buch die okinawanische Arbeitsmigration auf die japanischen Hauptinseln in der Nachkriegszeit. In dem untersuchten Zeitraum von 1945 bis 1972 war Okinawa kein Teil der japanischen Nation. Deshalb sieht Kishi die Arbeitsmigration  der Okinawaner nicht als sozioökonomische Notwendigkeit, sondern vielmehr als eine kulturelle Begegnung der okinawanischen Nachkriegsgeneration mit ihrem „Vaterland“ (jap. sokoku) Japan. Anhand der Kategorien Assimilierung und Othering versucht er den Prozess der okinawanischen Idenitätsfindung nachvollziehbar zu machen und die kulturelle Begegnung zwischen Okinawa und Japan in der Nachkriegszeit zu rekonstruieren. Er ist der Ansicht, dass im Rahmen dieser kulturellen Begegnung ein doppelter Prozess stattfindet: Selbsterfindung und Erfindung durch Fremde (othering). Das Othering Okinawas durch die japanische Mehrheitsgesellschaft diente sowohl der Diskriminierung als auch der Assimilierung der Okinawaner. Die Selbsterfindung Okinawas war dagegen die Gegenreaktion zu diesem Othering und fand durch die Okinawaner selbst statt.

Zentral ist für den Autor die Frage: Wieso sind die Arbeitsmigranten der Nachkriegszeit, die in das „verheißende Land“ bzw. das „Vaterland“ Japan übersiedeln konnten, nur wenig später in ihre „Heimat“ (jap. furusato) Okinawa zurückgekehrt?

In Kapitel 1 („Wirtschaftswachstum und die Abwanderung von Arbeitskräften aus Okinawa in der Nachkriegszeit“) rekonstruiert Kishi die wirtschaftliche Entwicklung Okinawas unter amerikanischer Verwaltung, um zu betonen, dass die Arbeitsmigration der Okinawaner in der Nachkriegszeit ohne sozioökonomischen Abwanderungsdruck stattfand. Während in der Forschung zu Okinawa oftmals das Bild einer armen und wirtschaftlich rückständigen Region gezeichnet wird, betont der Autor, dass das Okinawa der Nachkriegszeit unabhängig von Japan ein eigenes kleines Wirtschaftswunder mit Vollbeschäftigung erlebte. Ähnlich wie auf den japanischen Hauptinseln waren die Stützen des Wirtschaftswachstums in Okinawa Urbanisierung, privater Hausbau, Konsum und gewerbliche Investitionen. Anders als in Japan hat sich aufgrund der amerikanischen Wirtschaftspolitik in Okinawa keine Exportwirtschaft entwickeln können, dennoch sei die Abwanderung von Arbeitskräften aus ökonomischer Sicht nicht nachvollziehbar. Kishi stellt Statistiken zur wirtschaftlichen Entwicklung Okinawas Erhebungen zur Abwanderung gegenüber, um zu betonen, dass weniger wirtschaftliche Notwendigkeit als die Etablierung eines „Arbeiter-Entsende-Systems“ durch die Ryūkyū-Regierung maßgeblich zur Abwanderung junger Okinawaner beigetragen haben.

In Kapitel 2 („Lebensläufe von okinawanischen Arbeitsmigranten nach Japan“) stellt Kishi sieben biografische Interviews vor. Für den Leser ist es verwunderlich, dass er diese Interviews kaum kommentiert und nicht nur abschnittsweise, sondern den Gesprächsverlauf unverändert und komplett wiedergibt. Diese Vorgehensweise erklärt der Autor erst im folgenden Kapitel 3 („Nostalgische Erzählungen“).

Lebensgeschichten unterlägen demnach als „Erzählungen“ nicht der positivistischen Logik von „Fakt oder Nicht-Fakt“, da der Erzählende seine Lebensgeschichte selbst „(re-)konstruiert“. Bei der Analyse von Lebenslauferzählungen sei es wichtiger, die Art des Erzählens und nicht den Inhalt des Erzählten in den Fokus der Forschung zu setzen. Die Art des Erzählens bezeichnet Kishi als „nostalgisch“. Die Erzählenden setzen ihren Fokus in den Erzählungen weniger auf erlebte Diskriminierungen, sondern blicken nostalgisch auf die „spaßige“ Zeit auf den Hauptinseln zurück und betonten gleichzeitig ihre Sehnsucht nach Okinawa. Gleichzeitig veranschaulichen die vorgestellten Erzählungen, mit welchen Erwartungen die Interviewten in ihrer Jugend nach Japan gingen. Für die jungen Okinawaner war Japan „ein Utopia, das realistisch zu erreichen war“ (251; eigene Übersetzung).

Im vierten Kapitel („Was war die Arbeits-Entsendung auf die japanischen Hauptinseln?“) beschäftigt sich der Autor mit historischen Materialien, um das „Arbeits-Entsende-System“ nachvollziehbar zu machen. Die Institutionalisierung dieses Systems geschah vor dem Hintergrund der Rückgliederungsbewegung (jap. fukki undō) in Okinawa, die eine Rückkehr Okinawas in den japanischen Nationalstaat anstrebte. Daher war für Kishi die Arbeitskräfte-Entsendung eine zweite Form der „Rückkehr in das Vaterland“. Nach anfänglichen Problemen mit den entsendeten Arbeitskräften sollten zukünftige Arbeitsmigranten in einem speziellen Vorbereitungscamp über das Leben in Japan aufgeklärt werden. Interessant hierbei ist, dass in diesem Vorbereitungscamp mit der Erklärung des „Japanisch-Seins“ gleichzeitig eine Betonung des „Okinawanisch-Seins“ einherging. Das „Japanisch-Sein“ wurde hier definiert als gewissenhaftes Arbeiten und die Anpassung an die Arbeitswelt auf den japanischen Hauptinseln. Bliebe es bei dieser einseitigen Anpassung an die japanische Mehrheitsgesellschaft, so könnte nur von Assimilation und nicht von einer Selbsterfindung der Okinawaner gesprochen werden, jedoch wurde den Teilnehmern des Vorbereitungscamps auch die Kultur Okinawas nahe gebracht, um als kulturelle Botschafter Okinawas auf den japanischen Hauptinseln zu fungieren.

In seinem Schlusskapitel („Assimilierung und Othering“) geht Kishi auf Forschung zur Migration von Okinawanern, Identität und Minderheit/Mehrheit ein, um im letzten Satz sein Fazit zu ziehen: „Assimilierung ist unter Assimilationsdruck nicht möglich“ (eigene Übersetzung). Die Beziehung zwischen Mehrheit/Minderheit und Assimilierung/Othering fasst Kishi desweiteren folgendermaßen zusammen: „Wieso können Okinawaner keine Japaner werden? Weil allein die Frage, woher man komme, und die damit zusammenhängende Beobachtung bereits ausschließt, dass man Japaner ist. Es gibt nur die Antwort: ‚Ich bin Okinawaner.‘“ (364; eigene Übersetzung).

Sicherlich darf Dōka to tashaka als ein wichtiger Beitrag zur Nachkriegsgeschichte Okinawas gesehen werden, in dem die Identitätsbildung in Okinawa bis zur Rückgliederung an Japan 1972 veranschaulicht wird. Die Menge an historischen Materialien und die Zusammenfassung einer Vielzahl an Statistiken macht dieses Buch interessant für jeden Leser, der sich mit Wirtschaft, Geschichte und Gesellschaft Okinawas in der Nachkriegszeit beschäftigt und zugleich der japanischen Sprache mächtig ist. Die Einbeziehung Japans als kultureller Antagonist und die Art der Begegnung von (essentialisiertem) Okinawa und (assimilierendem) Japan ist über die Thematik ‚Okinawa‘ hinaus interessant.

Die Verwendung verschiedener methodischer Ansätze, obgleich diese meist zusammenhängend in die einzelnen Kapitel eingebettet sind, kann die Leser überfordern; zugleich ist es dem Autor jedoch anzurechnen, dass er die Thematik aus verschiedensten Blickwinkeln beleuchtet. Kritisch ist die Einführung verschiedenster theoretischer Konzepte im Abschlusskapitel zu sehen, die man sich als Leser wesentlich früher gewünscht hätte. Zudem gelingt es dem Autor nicht überzeugend, den Zusammenhang zwischen den einzelnen Kapiteln aufzuzeigen: so sind jeweiligen Abschnitte für sich genommen zwar sehr gelungen, letztlich fehlt jedoch ein Rückblick auf die vorherigen Kapitel.

Die These, dass Assimilierung unter Assimilierungsdruck nicht möglich sei, darf zumindest als kontrovers eingestuft werden, jedoch kann der Autor diese These für das Okinawa der Nachkriegszeit glaubhaft untermauern.

Abgesehen von einigen Schwächen im Aufbau insgesamt ein sehr informationsreiches und gut recherchiertes Werk, das sehr lesenswert ist.

Adam Jambor