Okakura Kakuzo – Das Buch vom Tee

teeOkakura Kakuzo wurde 1862 als Sohn einer wohlhabenden Samurai-Familie in Yokohama geboren, wodurch er einen besonderen Bildungsweg genießen konnte. Neben seinem Interesse an der chinesischen Kultur und Sprache widmete er sich in der Folge dem Studium der englischen Sprache, welches er schließlich 1880 an der kaiserlichen Universität in Tokyo mit Auszeichnung absolvierte.

Bis zu seiner Gründung einer Einrichtung zur Erhaltung japanischer Kunstgegenstände, der Nippon Bijutsu-in, reiste er mehrmals nach Europa, China, Indien und Amerika. Außerdem war Okakura als Direktor der neuen Kunstakademie in Tokyo tätig. In der Meiji-Ära, als Japan von westlichen Vorbildern geprägte Modernisierungsprozesse durchlief, versuchte Okakura mit Schriften wie „The Ideals of the East“ (1903), „The Awakening of Japan“ (1904) und eben dem Buch vom Tee, im Original „The Book of Tea“ (1906), die japanische Kultur im Westen bekannt zu machen. Dabei war es ihm ein besonderes Anliegen, auch den Japanern selbst ihre eigene kulturelle Herkunft bewusst zu machen und sie dazu aufzufordern, eigene kulturelle Schätze besser zu schützen.

Entgegen der Erwartung, entsprechend dem Titel „Das Buch vom Tee“ eine ausführliche Beschreibung der Teeherstellung oder der Teezeremonie zu erhalten, versucht Okakura in dem Buch in erster Linie, die philosophischen Grundlagen des Zens zu erklären. Da das Thema „Tee“ hierfür als Beispiel dient, erhält man jedoch trotzdem eine Vielzahl an Informationen zu diesem Thema und der gesellschaftliche Bedeutung des Tees. Aufgeteilt ist „Das Buch vom Tee“ in sieben Kapitel. Einleitend mit einer kurzen Vorstellung des Tees als „wahrem Geist östlicher Demokratie“ und „Kunst des Lebens“ kommt er auf von ihm wahrgenommenen Missverständnisse zwischen Westen und Osten zu sprechen, welche im Folgenden immer wieder aufgegriffen und diskutiert werden. Nach einer kurzen geschichtlichen Zusammenfassung der Teezubereitung, Beschreibung und Erklärung des Teeraums und der Vorstellung eines idealen Teemeisters beschäftigt sich Okakura dann im Wesentlichen mit den dahinterliegenden philosophischen Konzepten. Die Lehren des Zens werden dabei ausgiebig mit taoistischen Lehren verglichen und als Grundlage des Teekultes, wie es in der deutschen Übersetzung heißt, und kultureller Ursprung von Japanizität beschrieben. Als drittes Hauptthema des Buches beschäftigt sich Okakura dann schließlich mit einem speziellen japanischen Verständnis von künstlerischer Ästhetik. Auch in diesem Zusammenhang bezieht er sich vielfach auf die Philosophie des Zen, wobei die Kunst des Blumensteckens als Beispiel angeführt wird.

Eine Erklärung, weswegen Okakura den Tee zur Vermittlung zwischen West und Ost nutzt, könnte mit der Verbreitung und Popularität des Tees in beiden Regionen zusammenhängen. Dem Tee war nämlich der Einzug in die westliche Welt schon weit vor Okakuras Buch gelungen und er galt längst als fester Bestandteil auch der westlichen Kultur. Okakuras Hoffnung bestand wohl darin, dass man im Westen aufgrund des Titels dem Buch gegenüber aufgeschlossener sein würde und sich dann ausgiebiger mit den im Buch vorgestellten philosophischen Konzepten beschäftigen würde. Darüber hinaus konnte Okakura über den bezug zum Thema „Tee“ seine Kenntnisse über die chinesische Kultur einbringen, um diese als Ursprung der japanischen Kultur zu erklären. Er schaffte eine Brücke zwischen China und Japan und weiter zu einem größeren Asien, zu dem er auch Indien zählte. Die asiatische Kultur würde also geschichtlich sehr weit zurückreichen, hätte sich laut Okakura aber erst in Japan perfektioniert.

Auffällig häufig kommt Okakura in jedem seiner Kapitel auf die Lehren des Zen zu sprechen. Zen ist für ihn ein Grund, warum Japan gegenüber dem Westen nicht hinterhinke, sondern geradezu einen Vorsprung habe. Dies zeigt sich in Aussagen wie, dass „in manchem […] der Osten besser dran [ist] als der Westen“, oder: „Asia’s superiority lays in its spirituality“. Er unterstreicht dies zusätzlich in dem er erwähnt, dass selbst die fleißige holländische Hausfrau nie die Sauberkeit eines Zen-Praktizierenden erreichen könne. Denn wahre Sauberkeit könne nicht durch reinen Fleiß oder Putzen erreicht werden, sondern benötige eine spirituelle und geistliche Komponente, die dem Zen immanent sei.

Das Buch vom Tee ist auch heute noch ein viel gelesenes Werk, da es zum einen leicht verständlich und lebhaft geschrieben ist, zum anderen aber einen umfassenden Überblick über die Bedeutung des Tees gibt. Zudem wird dem Leser ein Einstieg in die Philosophie des Zen ermöglicht. Man darf jedoch nicht die Intention des Autors vergessen. Natürlich wollte dieser das westliche Verständnis von und Interesse an philosophischen Ideen Japans steigern. Auf der anderen Seite wollte er jedoch auch eine japanische Position oder gar eine asiatische Position in einer kulturellen Rangordnung der Welt stärken, was im Buch deutlich sichtbar wird. Trotz mehrfacher Kritik an der ignoranten Haltung des Westens dem Osten gegenüber, erkennt Okakura aber nicht nur die Wichtigkeit eines kulturellen Austausches, sondern sieht sie sogar als erforderlichen Schritt für den Fortschritt beider Regionen.

Go Theissen

Okakura Kakuzo (2011): Das Buch vom Tee. Köln: Anaconda, 96 S.