Lafcadio Hearn – Kokoro

Nach der erzwungenen Öffnung Japans im Jahr 1853 ging der englische Philosoph Herbert Spencer davon aus, dass die japanische Kultur eingehen werde wie „a hothouse flower suddenly exposed to the outside world“ (Starrs, S. 183). Denn seiner development hypothesis folgend war er davon überzeugt, dass sich die Kulturen der Welt in einem Konkurrenzkampf gegeneinander befänden. Dieser Evolutionismus wird heute oft als Vorläufer des späteren Sozialdarwinismus interpretiert.

Doch entgegen Spencers Voraussage kam es in Japan zu einer radikalen Umstrukturierung des Landes, welche unter anderem zum Sieg über China im ersten Chinesisch-Japanischen Krieg und zur Kolonialisierung von Taiwan in den Jahren 1894 bis 1895 führte. Aus Sicht der westlichen Kolonialmächte dürften diese Entwicklungen äußerst überraschend und nur schwer zu verstehen gewesen sein, weshalb ein erhöhter Bedarf nach Erklärungen bestand.

„Kokoro – Hints and Echoes of Japanese Inner Life“ ist einer dieser Erklärungsversuche. Es handelt sich dabei um eine Sammlung von Essays des Journalisten und Autoren Lafcadio Hearn, in denen dieser die Japaner als aufsteigende Rasse darstellt, welche durch ihre vom Buddhismus und Shintoismus geprägten geistigen Eigenschaften gute Voraussetzungen für ein Bestehen in einem kulturellen „Survival of the fittest“ (Spencer) habe. Hearn wurde 1850 in Griechenland geboren, wuchs in Dublin auf und zog schließlich mit 19 Jahren nach Amerika, wo er als Journalist arbeitete. Nach Japan kam Hearn erst 1890, als Englischlehrer für einer Schule in Matsue (in der heutigen Präfektur Shimane), wo er schließlich eine Familie gründete. Im Jahr 1896, als auch Kokoro erschien, nahm er unter dem Namen Koizumi Yakumo die japanische Staatsbürgerschaft an.

Hearn ist sowohl im Westen als auch in Japan besonders als Sammler bzw. Erzähler japanischer Volksmärchen bekannt geworden. Beispielsweise wurden vier Geschichten aus seinem Buch „Japanese Fairy Tales“ (1898) in Kobayashi Masakis Film „Kwaidan“ (1965) umgesetzt. Sein großes Interesse an Geschichten zeichnet sich dabei schon in Kokoro deutlich ab. Immer wieder wechseln sich in dem Buch lange Essays über seine Eindrücke des japanischen Alltags mit kurzen Geschichten ab. Diese handeln zum Beispiel von einem Dieb, der im Angesicht des Sohnes eines von ihm ermordeten Mannes in Tränen ausbricht, oder vom Leben eines jungen Mannes aus einer Samurai-Familie, der den Niedergang des feudalistischen Japans miterlebt. Diese Kurzgeschichten kann man als Fallbeispiele für die Thesen und Überlegungen ansehen, welche Hearn in den längeren Essays des Buches ausformuliert. In einigen Geschichten tritt Hearn selbst als Beobachter oder als Chronist auf, der sich die Geschichte von den Einheimischen erzählen lässt. Das dient wahrscheinlich dem Zweck, die Authentizität der Geschichten und die Überzeugungskraft von Hearns Überlegungen zu stützen.

Es ist nicht leicht, einen roten Faden in der Reihenfolge der Essays in Kokoro zu finden. Dem gesamten Buch scheint aber das Ziel eines Vergleichs der japanischen Kultur mit der westlichen Kultur zugrunde zu liegen, wobei Hearn die japanische Kultur klar als die Überlegene der beiden darstellt. Schon das zweiten Kapitel „The Genius of Japanese Civilization“ macht dies deutlich: Kunst im Westen sei groß und pompös, in Japan hingegen klein und subtil. Während die Gebäude in den westlichen Städten bis in den Himmel ragten, seien die japanischen Städte auch 30 Jahre nach der Meiji-Restauration von einer „wilderness of wooden sheds“ charakterisiert (Hearn 1896: 12). Im Westen baue man für die Ewigkeit, in Japan akzeptiere man die Vergänglichkeit. Und schließlich sei der japanische Arbeiter viel mobiler als der westliche, immer bereit weiter zu ziehen und frei von der „social and industrial machinery“ (S. 24). Es wird klar, dass Hearn ein Romantiker war, der der Industrialisierung der westlichen Länder und der „useless multiplicity of our daily wants“ eher kritisch gegenüber stand (S. 26). Dies wird besonders offensichtlich in seiner Aussage, dass „human heart“ und „moral beauty“ wichtiger sei als „human intellect“ und „intellectual beauty“ (S. 27).

Ein solches dichotomisierendes Denken, bei der eine Kultur der anderen gegenüber gestellt und bewertet wird, war zu Hearns Zeiten nicht ungewöhnlich und ist auch heutzutage noch weit verbreitet. Ein wiederkehrender Punkt bei solchen Vergleichen ist, dass der Westen häufig als „rational“ und „von der Natur entfremdet“ charakterisiert wird, während die „anderen“ Länder wie Japan auf der anderen Seite als „emotional“ und „naturverbunden“ dargestellt werden. Die westlichen Kolonialmächte leiteten ihren Anspruch auf die kolonisierten Länder davon ab, dass sie mit ihrer modernen „Rationalität“ weiter entwickelt seien und damit als die „Sieger“ in einem Wettkampf zwischen den Kulturen das Recht auf die beanspruchten Territorien hätten.
Doch der Romantiker Hearn drehte diesen Vergleich im Falle von Japan um und erhob die Emotionalität zu der Schlüsseleigenschaft einer weiterentwickelten Kultur. Er versuchte zu zeigen, wie moderne Erkenntnisse, die der Westen erst in diesem Jahrhundert entdeckt hatte, schon in den alten, religiösen Weisheiten Japans zu finden seien. Auch wenn Japan vom Äußeren her nicht so modern wie der Westen sei, so sei es doch in seinem Inneren schon immer viel weiter als der Westen entwickelt gewesen.

Bei den besagten Erkenntnissen handelte es sich in erster Linie um die Evolutionstheorie und  Spencers development hypothesis. Deren wesentliche Aussagen seien den Japanern Hearn zufolge schon durch die Lehren des Buddhismus und des Shintoismus bekannt gewesen, in Form der Vorstellungen von einer fragmentarischen Seele, der Reinkarnation oder der Ahnenverehrung. Für Hearn war dabei entscheidend, dass der Mensch nicht als unbeschriebenes Blatt geboren werde, sondern eben mit Gefühlen und einem instinktivem Wissen aufwachse, welche durch das Leben und die Erfahrungen der gestorbenen Vorfahren geprägt seien.

Mit dem Wort Kokoro, welches Hearn mit der Bedeutung von „the heart of things“ übersetzte, meinte er demnach den durch die Evolution geprägten Kern jeder Kultur oder „Rasse“, welcher dafür sorge, dass es grundsätzlich zu keinem tiefen Verständnis zwischen verschiedenen Kulturen kommen könnte. Man möge mit Menschen aus anderen Kulturen mitfühlen, aber könnte es nie so sehr wie mit den Mitgliedern der eigenen „Rasse“. Hearn aber glaubte nicht, dass dieser „Kern“ einer Kultur für alle Zeiten unveränderlich bleibe, sondern, dass auch dieser Kern einer Kultur sich in jahrhunderte lange Prozessen ändern könne. Nach Hearn war es unmöglich, dass sich „Kultur“ wie im japanischen Beispiel innerhalb von 30 Jahren derart gewandelt haben könnte, weshalb eben dieser radikale Wandel für ihn der Beweis dafür war, dass die Japaner eigentlich schon immer mit den Westen gleichauf oder sogar besser gewesen seien.

Die starke Voreingenommenheit und der nationalistischen Tonfall von Hearn mag es für den heutigen Leser erschweren, sich auf Hearns Texte einzulassen. Jedoch erhält man durch „Kokoro – Hints and Echoes of Japanese Inner Life“ ein sehr gutes Verständnis davon, wie faszinierend Japan damals auf Hearn und die westliche Welt gewirkt haben muss. Dazu spielt Hearn sein Talent als Geschichtenerzähler voll aus. Die romantischen und rührseligen Geschichten aus einem fernen und exotischen Land sind unterhaltsam geschrieben und mit seinen Worten zeichnet Hearn ein buntes und lebendiges Bild vom Alltag in einem Japan auf seinem Weg zur Kolonialmacht, in dem er große Ereignisse wie den Sieg von Japan gegen China mit konkreten Erlebnissen vor Ort verbindet.

Martin Thönes

Literatur

HEARN, Lafcadio (1896). Kokoro – Hints and Echoes of Japanese Inner Life. Tokyo: ICG muse. 1. edition 2011

STARRS, Roy (2006): „Lafcadio Hearn as Japanese Nationalist“. In: Japan Reviews, 18, S. 181–213.