Kurt Singer – Spiegel, Schwert und Edelstein

SingerKurt Singer beschreibt in seinem Werk „Spiegel, Schwert und Edelstein“ die japanische Gesellschaft sowie die japanische Kultur vor dem Hintergrund von Erfahrungen, die er während seines Aufenthalts in Japan in den Jahren 1931 bis 1939 sammelte. Dabei bezieht er sich nicht allein auf seine Beobachtungen, sondern auch auf Dokumente, die sich mit der japanischen Kultur auseinander setzen und zieht so einen Querschnitt durch das „Wesen“ des japanischen Lebens und der japanischen Kultur.

Der 1886 in Deutschland geborene Kurt Singer promovierte und habilitierte in Wirtschaft. Durch eine Einladung der Universität Tôkyô zu einer Gastprofessur für Nationalökonomie fand sich Singer im Jahre 1931 als Fremder in einem weit entfernten Land wieder. Abgesehen von einem einjährigen Aufenthalt in China hielt sich der Akademiker jüdischer Abstammung bis 1939 in Japan auf. In dieser Zeit ging er seiner Lehrtätigkeit an der Universität Tôkyô nach und wurde später als Deutschlehrer an einer Oberschule angestellt. Die nationalsozialistische Judenverfolgung, die über deutsche Grenzen hinaus bis nach Japan reichte, hielt Singer davon ab, in sein Heimatland zurückzukehren. Ebenso war die Kündigung als Deutschlehrer 1939 antisemitisch gefärbt. Somit sah sich Singer dazu gezwungen, sich ins australische Exil zu begeben, wo er für zwei Jahre interniert wurde.

1931 fiel die japanische Armee in die Mandschurei ein. In dieser Zeit wurde Singer in Japan nicht nur mit einem rasanten technologischen Umbruch konfrontiert, sondern erfuhr Gewalt, Aufstände und Terrorakte. Zudem wurde er Zeuge, wie die japanische Kultur instrumentalisiert und für militärische Zwecke in Beschlag genommen wurde. Nach Beendigung des Krieges gelang es Singer nicht, sein Werk zu publizieren, so dass es in englischer Sprache erst 1973 in London veröffentlicht wurde, elf Jahre nach Singers Tod. Die mehr als fünfzehn Jahre später erschienene deutsche Fassung ist allerdings keine reine Übersetzung, sondern beinhaltet ebenso Teile des zum größten Teil verschollenen deutschen Manuskriptes. 

Das in die Teile ‚Charakteristika‘, ‚Strukturen‘ und ‚Werte‘ gegliederte Buch bietet in vielen kurzen Unterkapiteln eine zum Teil akribische Beschreibung des Lebens im Japan der dreißiger Jahre. Es finden sich Abschnitte zu zwischenmenschlichen Beziehungen oder dem Familienleben sowie auch solche, die Einblicke auf einer eher politischen und institutionellen Ebene geben sollen. Ebenso beschreibt Singer den Einfluss Chinas auf die japanische Kultur und erklärt die Kultur der Samurai mit Hilfe zahlreicher geschichtlicher Fakten.

Singer bietet viele Möglichkeiten, hinter die Oberfläche der kulturellen Eigenheiten Japans zu schauen, indem er Bezug auf alte japanische Chronologien nimmt, geschichtliche Ereignisse beschreibt oder religiöse Zusammenhänge erklärt. Er versucht sich dabei von Autoren abzusetzen, die Japan als geheimnisvollen Ort beschrieben, welcher aufgrund seiner einzigartigen Kultur nichts mit westlichen Ländern gemeinsam haben kann. Letztendlich entmystifiziert „Spiegel, Schwert und Edelstein“ das Land aber trotzdem nicht. Vielmehr wird ein Gefühl von Japan als „Land der Götter“ vermittelt, das trotz seines rasanten Fortschritts unter dem starken Einfluss seiner früheren Geschichte steht. Es wird in vielen Abschnitten Bezug auf den Shintoismus und Buddhismus genommen, um soziale Phänomene zu beschreiben, während einzelne geschichtliche Ereignisse, Mythen und Geschichten dazu dienen sollen, bestimmte Elemente der Kultur Japans genauer zu erklären.

Beispielsweise erzählt Singer in einem Kapitel, in dem er sich mit dem Element der Grausamkeit der japanischen Kultur auseinandersetzt, die Geschichte „Kazumas Rache“, in der ein Arzt sich selbst und einen rachelüsternen Mann tötet, um so einen Bürgerkrieg zu verhindern. Diese Geschichte nimmt Singer als Grundlage dafür, eine rationale Zweckmäßigkeit innerhalb der sonst emotional erscheinenden japanischen Mentalität zu erklären.

Einem ‚Fremden‘, so wie Singer Personen nicht-japanischer Abstammung nennt, sei es nicht möglich, dieses Land der Einfachheit und Schlichtheit zu verstehen. Denn eine Kultur ist in seinen Augen ein in sich geschlossener Mikrokosmos; ein Ganzes, das im Zeitverlauf sein eigenes Muster gebildet habe und zu einer harmonischen Einheit herangewachsen sei. Auf Grundlage dieses Kulturverständnisses scheint es logisch, dass Außenstehende nicht in dieses Muster passen und beim Eintauchen in die japanische Gesellschaft den Eindruck eines „’Landes hinter dem Spiegel‘ […], das Lewis Carrol seine kleine Alice betreten ließ“ (S. 235) erhalten. Diese Analogie zu „Alice im Wunderland“ steht natürlich im Widerspruch zu dem Anspruch, Japan nicht als Land der Andersartigkeit zu beschreiben.

Singer bemüht sich außerdem, einen nicht eurozentristischen Standpunkt einzunehmen, indem er viele positive Aspekte anspricht, die allerdings fast ausschließlich mit ‚dem Japaner‘ und seiner Verbundenheit zu seinen alten Göttern und der Natur des Landes in Verbindung gesetzt werden. Langsamkeit und Schlichtheit spielen bei seinen Beschreibungen eine große Rolle, und scheinbar unbemerkt kommt es zu einer Darstellung von Japan als ein nicht so wie Europa weit entwickeltes, aber wunderbar auf seine alte Kultur bezogenes, besonnenes Land. Dass japanische Mütter ihre Kinder auf dem Rücken tragen, führe dazu, dass sich Japaner im Schaukeln und Rhythmus ihrer Nation harmonisch und resigniert in ihre Umständen fügen. Sollte es innerhalb der Familie zur Züchtigung des Kindes kommen, so sei dies „so wie in allen Gesellschaften des Ostens und des klassischen Altertums“ (S. 78) Aufgabe der Mutter. Durch solche Aussagen werden jegliche Bestrebungen Singers um eine objektive Beschreibung von sozialen Phänomen zunichte gemacht. Ganz deutlich wird hier außerdem, wie wichtig für Singer die Vorstellung von Fortschritt ist, sei er kulturell oder technologisch. Denn bei aller Romantik bleibt das Japan der dreißiger Jahre aus seiner Sicht rückständig im Vergleich zu westlichen Kulturen.

Von dem Standpunkt gegenwärtiger Japanforschung aus betrachtet erscheint es zunehmend anmaßend, die Kultur eines Landes in seiner Gesamtheit darstellen zu wollen. Allerdings sollte das Buch ebenso aus seinem geschichtlichen Kontext heraus gelesen werden. Singers Sensibilität für die Vielschichtigkeit einer Kultur mag aus heutiger Sicht selbstverständlich sein, und der Versuch einer universellen Erklärung einer scheinbar ‚primitiven Kultur’ oberflächlich, jedoch unterschied sich Singer dabei nicht von vielen anderen Autoren seiner Zeit. Bei genauerer Betrachtung wird klar, dass Singers Arbeit nicht aufgrund ihres Alters ignoriert werden sollte, sondern gerade wegen ihres geschichtlichen Hintergrundes heute noch bedeutsam ist. Viel interessanter als der Inhalt seiner Aussagen ist die Art und Weise, wie Singer die japanische Kultur in „Spiegel, Schwert und Edelstein“ beschreibt. Die maßlose Begeisterung für die japanische Mythologie und Geschichte, die einen sehr großen Anteil innerhalb des Buches einnehmen, stehen im Gegensatz zu der Herabsetzung Japans als unterentwickelte Kultur. Singer, der selbst als Opfer von Antisemitismus aufgrund seiner Abstammung nicht die Möglichkeit hatte, in sein Heimatland zurückzukehren, beschreibt eine für ihn fremde Kultur nach einem Muster, das vielfach auf die Primitivität dieser hinweist. Jedoch geschieht dies so beiläufig, dass zu vermuten ist, dass Singers Formulierungen ein Spiegel seiner Zeit sind. Die Lektüre von „Spiegel, Schwert und Edelstein“ lohnt sich daher nicht nur, weil viel über den damaligen Umgang mit Japan, seiner Kultur und Gesellschaft gelernt werden kann. Mit Beachtung seines geschichtlichen Kontextes und geschärftem Blick gelesen, kann es den Leser für einen geschickten wissenschaftlichen Umgang mit der japanischen Kultur sensibilisieren.

Charlotte Schneider

Singer, Kurt (1991): Spiegel, Schwert und Edelstein: Strukturen des japanischen Lebens. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.