Ernährungserziehung (shokuiku) und die nationale Identität Japans

bustamenteBustamante Arévalo, América Solanger (2013): Ernährungserziehung (shokuiku) und die nationale Identität Japans. München: Iudicium Verlag, 159 S. ISBN 978-3-86205-307-0

 

 

 

In der japanischen Küche sind Reis, Gemüse und Meeresfrüchte seit langer Zeit wichtige Bestandteile. Traditionell werden nur wenige Öle und Gewürze verwendet, womit die Ernährungsweise in Japan als fettarm und gesund gilt. Nach der zunehmenden Öffnung des Landes in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unterlag die traditionelle Esskultur stetigen Änderungen durch westliche Einflüsse, wie zum Beispiel eine veränderten Einstellung zum Fleischverzehr oder die Einführung von Fastfood. Seitdem die Zahl an ernährungsbedingten gesundheitlichen Problemen in den letzten Jahrzehnten angestiegen ist, sehen japanische Politiker und Vertreter der Lebensmittelversorgung die traditionelle Küche und in diesem Zusammenhang ebenso die kulturelle Identität des Landes bedroht. Daher greift die japanische Regierung zu politischen Maßnahmen, um das Ernährungs- und Gesundheitsbewusstsein in der Bevölkerung zu fördern.

Die Kulturanthropologin und Japanwissenschaftlerin América Solanger Bustamante Arévalo befasst sich in ihrer Untersuchung Ernährungserziehung (shokuiku) und die nationale Identität Japans mit den verschiedenen Aktionsplänen, die im Rahmen der sogenannten shokuiku-Kampagne in den letzten Jahren von den japanischen Ministerien entwickelt worden sind. Es handelt sich bei dem im Iudicium-Verlag erschienenen Buch um die Veröffentlichung der Magisterarbeit von Bustamante Arévalo. Sie wirft darin die Frage auf, ob und in welchem Ausmaß die Umsetzung dieser Regelungen zur Entwicklung der nationalen Identität Japans beiträgt. Die Arbeit wird dabei in drei Teile gegliedert, bei denen die Ausführungen der Autorin hauptsächlich auf japanischen Quellen wie Materialien und Dokumenten nationaler Behörden beruhen. Des Weiteren wurden Artikel aus der Zeitschrift shokuiku katsudō der „Rural Cultural Association“ genutzt, einem Verein mit dem selbst gesetzten Ziel, die Gesellschaft in Einklang mit der Natur zu bringen.

Hintergrund für Bustamente Arévalos Arbeit ist das 2005 erlassene „Rahmengesetz zur Ernährungserziehung“ (shokuiku kihon hō), welches im rechtlichen Sinne kein Gesetz, sondern eine Sammlung von Richtlinien zum gesunden Umgang mit Ernährung in der Bevölkerung darstellt. Diese politischen Maßnahmen sind von dem rein ernährungswissenschaftlichen Begriff shoku kyōiku abzugrenzen, auch wenn dieser ebenfalls als „Ernährungserziehung“ ins Deutsche übersetzt werden kann. Als nationale Kampagne umfasst shokuiku einen breiteren Fokus und hat als übergreifendes Ziel, die japanische Bevölkerung über das Thema Ernährung zu informieren und sie zu einem bewussten Umgang mit Essen zu bewegen. Besonders auf die Erziehung der Kinder wird dabei Wert gelegt. Zudem soll durch shokuiku ein Dankbarkeitsgefühl gegenüber dem Essen und der Natur entwickelt werden.

Im ersten Teil der Arbeit werden zunächst die staatlichen Ernährungsvorbilder und deren Ausgestaltung im Alltag vorgestellt. Diese umfassen den „Leitfaden zur ausgewogenen Ernährung“ (shokuji baransu gaido), die „Richtlinien für Ernährungsgewohnheiten“ (shokuseikatsu shishin) sowie die Werbeinitiative „Food Action Nippon“. Neben einer Senkung der medizinischen Versorgungskosten durch Vorbeugung ernährungsbedingter Zivilisationskrankheiten gibt die japanische Regierung als weitere Ziele die Steigerung des Selbstversorgungsgrades bei der Ernährung in Japan und die Stärkung der Landwirtschaft an.

Kreisel
Abb. 1: Leitfaden zur ausgewogenen Ernährung in Form eines Kreisels, Bustamente Arévalo 2013: S. 31.

Vom Ministerium für Forstwirtschaft und Fischerei (Ministry of Agriculture, Forestry and Fisheries, kurz MAFF) zusammen mit dem Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Soziales (Ministry of Health, Labour and Welfare, kurz MHLW) im Jahre 2005 erstellt, soll der Leitfaden zur ausgewogenen Ernährung als graphische Darstellung visuell grundlegende Essenverhaltensregeln vermitteln. Es handelt sich um einen drehenden Kreisel, der in verschiedene Ebenen unterteilt ist, Lebensmittel in einzelne Kategorien einordnet und somit dem Betrachter eine ausgewogene Ernährungsweise deutlich macht (vgl. Abb. 1). Laut Bustamante Arévalo sei hierbei auffallend, dass für die Gestalt des Leitfadens nicht wie üblich eine Pyramide gewählt wurde. Es soll damit veranschaulicht werden, dass der Kreisel bzw. das körperliche Gleichgewicht ins Schwanken geraten oder gar umkippen kann, wenn das richtige Ernährungsverhalten nicht eingehalten wird. Bustamante stellt fest, dass durch diese neue Form, die von Ernährungsmodellen anderer Länder abweicht, offenbar bewusst japanische Werte vermittelt werden sollen. Dies werde auch durch den Kommentar der Ministerien deutlich, dass „der Kreisel in Japan ein seit alten Zeiten vertrautes Objekt“ sei (S. 32). Auch die einzelnen Nahrungsmittel, welche der japanischen und westlichen Küche zugeordnet werden können und in verschiedene Ebenen und Kategorien unterteilt werden, werden von der Autorin gründlich untersucht. Aufgrund der Tatsache, dass wesentlich mehr japanische Lebensmittel abgebildet sind und Bestandteile wie Fette und fetthaltige Speisen fehlen, erkennt Bustamante Arévalo auch hier eine positive Betonung der japanischen Küche gegenüber der westlichen. Eine manipulative Absicht der Regierung sei jedoch nicht eindeutig festzustellen: Die Auswahl an Symbolen könne auch durch Zufall oder aus einer praktischen Notwendigkeit heraus entstanden sein.

Die Richtlinien für Ernährungsgewohnheiten aus dem Jahr 2000 geben statt eines speziellen Ernährungsleitfadens lediglich allgemeine Hinweise zum Umgang mit Essen und raten zur Reflexion über das eigene Ernährungsverhalten. In zehn Abschnitten unterteilt werden Handlungsvorschläge angeführt, die mit Traditionen verbunden sind. So wird zum Beispiel das Problem aufgegriffen, dass Kinder alleine ihre Mahlzeiten einnehmen und zum gemeinsamen Familienessen aufgerufen. Ferner werden in den weiteren Abschnitten Sachverhalte wie die Förderung von regionalen Produkten behandelt. Im Gegensatz dazu thematisiert die Werbeinitiative „Food Action Nippon“ aus dem Jahr 2008 die Erhöhung der Selbstversorgungsrate Japans und stellt eine Abhängigkeit an Nahrungsmitteln aus dem Ausland als Bedrohung dar. Zusammen mit Unternehmen aus der Lebensmittelbranche sowie gemeinnützigen Organisationen wird die Bevölkerung darüber informiert, dass beispielsweise die Nähe zu lokalen Erzeugern und Lieferanten die Qualität der Produkte garantiert. Zudem wird auf fünf alltägliche Handlungen hingewiesen, wie man als Konsument die Selbstversorgung des Landes unterstützen kann, indem man sich mehr nach der japanischen Küche richtet.

Im nächsten Kapitel folgen detaillierte Ausführungen zu den japanischen Grundnahrungsmitteln Reis, Soja, Gemüse und Fisch im Zusammenhang mit entsprechenden shokuiku-Aktivitäten. Dabei handelt es sich um Veranstaltungen, die von Privatpersonen und Institutionen mit Unterstützung der Regierung organisiert werden und die Würdigung bestimmter Lebensmittel in der Gesellschaft verstärken sollen. So soll die Wertschätzung von Reis durch sogenannte „landwirtschaftliche Erlebnisaktivitäten“ wie Projekte zum Reisanbau für Schulkinder gefördert werden, während Gemüsearten in Ernährungssymposien oder Wettbewerben der Bevölkerung näher gebracht werden und Fischkonsum durch Lieferung an Schulkantinen gefördert wird. Auch das kontroverse Thema der Versorgung von Schulen mit Walfleisch wird im Rahmen der shokuiku-Maßnahmen von der Autorin untersucht. Zur Veranschaulichung werden im gesamten Abschnitt einige Abbildungen einzelner Aktivitäten in den Kontext eingebunden. Tabellen oder Grafiken zu einschlägigen Statistiken sucht man dagegen vergeblich.

In dem letzten Kapitel wird der Fokus auf die Zubereitung des Essens in Verbindung mit der Theoretisierung der japanischen Küche als nationales Gut gelegt. Hierbei geht es weniger um die Lebensmittel, sondern um das Erleben japanischer Traditionen durch das gemeinsame Kochen bei diversen shokuiku-Veranstaltungen. Durch spezielle Kochkurse für Kinder und Erwachsene soll die Zubereitung von gesunden Speisen vermittelt und ein Beitrag zur Entwicklung eines Dankbarkeitsgefühls gegenüber den Zutaten und deren Erzeugern geleistet werden. Hierbei werden aktiv Differenzierungen zwischen japanischen und ausländischen Lebensmitteln vorgenommen und somit die Merkmale der landeseigenen Küche betont. Unter anderem wird hier auch auf die Besonderheit des „japanischen Geschmacks“ (umami) hingewiesen, der in vielen dieser Aktivitäten eine wichtige Rolle spielt. Weiterhin liegt der Fokus dieser Aktivitäten auf der Förderung einer Identifikation der Teilnehmer mit einer einheitlichen japanischen Küche und damit auch auf einer positiven Haltung gegenüber dem Nationalen.

In ihrer Zusammenfassung macht Bustamante Arévalo deutlich, wie es mit Hilfe des Rahmengesetzes zur Ernährungserziehung gelingt, nicht nur zur Förderung der Gesundheit, sondern auch zur Stärkung einer nationalen Identität beizutragen. Es folgt ein ausführliches Resümee über die einzelnen Abschnitte des Buches, die die Autorin letztendlich zu der Schlussfolgerung führen, dass durch shokuiku und die daraus entstandene Kampagne Essen bzw. die Esskultur Japans als eine alltägliche Handlung dargestellt werden, die stets in Verbindung mit der nationalen Identität der Bevölkerung steht. Gleichzeitig weist die Autorin ausdrücklich daraufhin, dass sie sich von einer Auffassung, dass „shokuiku negative bzw. nationalistische Züge einer nationalen Identität bestärkt“, entfernt und Nationalismus im Bezug auf die Esskultur lediglich „als Ideologie versteht, die den Nationalstaat konstruiert und aufrecht erhält“ (S. 122).

Letztendlich wird die Ausgangsfrage, inwiefern die japanische Regierung mit shokuiku und seinen verschiedenen Ernährungsmodellen und -aktivitäten die Bildung einer nationalen Identität Japans beeinflusst, leider nur unklar beantwortet. Die meisten Thesen werden nur vage erläutert und auch in der methodischen Vorgehensweise bleiben einzelne Faktoren ungeklärt. So erfährt der Leser beispielsweise nicht, in welchem Zeitraum die Untersuchung stattgefunden hat und ob die Beobachtungen aus einer selbst unternommenen Feldforschung hervorgehen. Auffallend ist auch, dass Bustamante Arévalo die meisten Aktionen der Kampagne in einem stetig gleichbleibenden Ablauf mit zwei, drei relevanten Beispielen beschreibt und anschließend diese nur in kurzen Ansätzen kritisch analysiert. Zudem kommen neben einigen Grammatik- und Rechtschreibfehlern oft unklare Formulierungen in verschachtelten Sätzen vor, welche das Lesen erschweren. Die angeführten Beispiele der einzelnen Aktionen wirken jedoch aufgrund ihrer detaillierten Beschreibung sehr lebensnah und verständlich.

Trotz einiger Lücken in der Argumentation und der Darstellung der Methodik liefert das Werk von Bustamante Arévalo wichtige Denkanstöße und Eindrücke zum Thema, welches bisher in der westlichen Literatur nur wenig Beachtung gefunden hat. Namenhafte Beispiele wären die Publikationen der Leidener Professorin Dr. K. J. Cwiertka (siehe Modern Japanese Cuisine: Food, Power and National Identity, 2006). Demnach kann es als Untersuchungsgegenstand im Bereich der Sozialwissenschaften durchaus interessant sein. Besonders in Bezug auf den Diskurs über die Probleme der niedrigen Selbstversorgung Japans spielt das Thema um shokuiku eine wichtige Rolle. Auch bietet es dem Leser neben einer ausführlichen Vorstellung des shokuiku-Konzepts grundlegende Informationen zu anderen Themen der japanischen Ernährung, wie zum Beispiel washoku. Insgesamt ist die Untersuchung von Bustamante Arévalo ein lesenswertes Buch, um einen Einblick in die derzeitige Ernährungspolitik Japans zu bekommen.

Michaela Kroll