Alexander Detig – Die letzten Yakuza

Mit freundlicher Genehmigung vom plassen Verlag/Quadriga Communication

Mit freundlicher Genehmigung vom Plassen Verlag/Quadriga Communication.

DETIG, Alexander (2015): Die letzten Yakuza. Exklusive Einblicke in Japans Unterwelt. Plassen: Kulmbach, 304 Seiten. 19,99€. ISBN 978-3-86470-250-1.

 

 

 

 

Die folgende Gast-Rezension wurde von Prof. Dr. Wolfgang Herbert (Universität Tokushima) verfasst. Wir bedanken uns für die Veröffentlichung bei DJAS.

Dieser Text ist keine Rezension, sondern eine Demontage. Denn vorliegendes Buch ist ein Machwerk der besonderen Art. Da tut jemand so, als habe er auf eigene Faust und im Alleingang die hintersten Winkel der japanischen Unterwelt erforscht. Auf dem Klappentext steht, er habe jahrelange Recherche vor Ort durchgeführt. Damit beginnen die Unwahrheiten. Der Autor, Alexander Detig, hat nie über mehrere Jahre hinweg in Japan residiert. Er hat lediglich ein paar wochenlange Abstecher auf die japanischen Inseln gemacht, um eine Dokumentation zu drehen, die später in Arte ausgestrahlt wurde.

Diese TV-Doku ist so zurechtgeschnitten, dass nirgends ein Interviewer auftritt. Es kommen die Yakuza direkt zu Wort. Das gehörte zum Konzept und macht die Dokumentation durchaus sehenswert. Dieser Zuschnitt kam hingegen auch der nachfolgenden Hochstapelei gelegen. Damit konnte der Produzent nämlich das im Kielwasser der Doku erschienene Buch nach der Masche stricken, dass er solo und souverän Yakuza ausgeforscht, kontaktiert, interviewt, gefilmt und mit ihnen gesellige Abende verbracht habe. Dabei hat er lediglich das Interviewmaterial in Dialoge falschgemünzt, die er mit den Protagonisten geführt haben will. Im Buch ist er mit den Gangstern umstandslos auf Du und Du und in einem heroischen Ein-Mann-Feldzug unterwegs. Dabei kann der Mann kein Japanisch. Detig kann Japanisch nicht sprechen, nicht verstehen, geschweige denn lesen und schreiben. Ja, er kann nicht einmal konsistent und korrekt japanische Termini transkribieren, wie er in seinem Buch vorführt, das vor linguistischen Lapsus strotzt. Dabei tut er darin so, als habe er mit Yakuza telefoniert und SMS ausgetauscht. Dazu ist Detig nicht fähig. Mir ist unerfindlich, wie ein Mensch dermaßen unverfroren, ja, lügen kann.

Die Schlüsselperson zum erfolgreichen Abschluss der Doku war ein seit Jahrzehnten in München lebender Japaner. Er (Tetsu T.) war der Cicerone in der Yakuza-Welt, Fremdenführer, Dolmetscher, Interviewer (bei der zweiten Dreharbeitstranche) und Betreuer von Herrn Detig. Bei der ersten Tranche der Filmaufnahmen habe ich alle Interviews geführt. Ich habe sie mitgeschnitten und auf Tonträger archiviert. Damit kann ich jederzeit demonstrieren, dass Detig keine einzige Frage auf Japanisch gestellt hat, kein Interview geführt hat und schon gar nicht im Alleinritt an den Schauplätzen war. Aufgrund gravierender sachlicher Divergenzen habe ich die Mitarbeit an der Doku nach der ersten Halbzeit aufgekündigt. Mir ging auch Detigs Samurai- und Schwert-Tick auf die Nerven. Solange ich Detig in Japan begleitet habe, habe ich keinen sinnvollen, vollständigen Satz auf Japanisch aus seinem Munde vernommen.

Tetsu T. hat alle Kontakte geschaffen und ist vor allem mit dem im Buch prominent auftretenden Yakuza-Boss aus Fukuoka, Uetaka Ken’ichi, seit vielen Jahren befreundet. Dank diesem Umstand konnte für die Doku eine selten öffentlich werdende Szene gedreht werden: ein sakazuki, ein Verbrüderungsritual. Es wurde eigens für die Doku inszeniert und in einer angemieteten Hotelsuite durchgeführt. Im Buch tut Detig so, als wäre er der einzige Nicht-Yakuza, der da dabei sein durfte. In Wahrheit war sein ganzes Team anwesend: seine Frau, sein Kameramann, der freie Journalist Dirk Dabrunz und ich. Im Buch beschreibt er den Mann, der sich rituell mit Uetaka verbrüderte als “älteren, schmächtigen Herrn”. Nach der Zeremonie will er zum ersten Mal mit ihm geredet und erfahren haben, dass er gar kein Yakuza sei. Nun handelt es sich bei diesem Manne um Tetsu T., dem Detig jeden Zugang ins Yakuza-Milieu verdankt und der ihn dort auf Schritt und Tritt begleitet hat. Nirgends wird Tetsu T. namentlich erwähnt und vor allem wird er nirgends mit einem Wörtchen des Dankes bedacht. Ich halte das für menschlich schäbig, wenn nicht niederträchtig, auf jeden Fall für journalistisch unredlich und tasachenverdrehend.

Der Gipfel der Tatsachenverfälschung wird mit der Behauptung Detigs erreicht, bei der als Entschuldigungsgeste gedachten oder als Strafsanktion verhängten Selbstamputation eines Fingergliedes (yubitsume, bei den Yakuza: enkotsume) als “einziger Außenstehender” dabei gewesen zu sein. Tetsu T. besteht darauf, dass er dies nie und nirgends zu Gesicht bekommen hat. Er hat sich das in seinem narzisstischen Delirium zusammenfantasiert, aber als Tatsachenbericht serviert. Mit so einer Schimäre wird die Glaubwürdigkeit des inhaltlichen Restes des Buches auf Null reduziert. Die ganze Szenerie hat er sich aus irgendwelchen Yakuza-Filmen abgekupfert. Und wie in diesen wird auch die Abhackaktion falsch dargestellt. Er habe sich das Fingerglied auf einem Schneidebrett mit einem Kurzschwert von oben abgeschnitten. So etwas führt nur zu einer grausigen Schnetzelei. Eingeweihte Yakuza setzen ihr Schneidegerät von unten an das Gelenk vor der Kuppe, die sie dann durch den Druck von unten abschnappen lassen.

Gleichfalls spinnt Detig ungeniert an seinen Fiktionen, wenn er ein frisch gestochenes Hautbild dank seinem “geschulten Auge” als eines von Horitsune II identifiziert haben will. Das geschah nämlich mehr als fünf Jahre nachdem sich der Tätowierkünstler Horitsune in seine Heimat Ôita auf sein Altenteil zurückgezogen hat. Seither hat er keine Nadel mehr angerührt. Die Tätowierung konnte daher unmöglich von ihm stammen. Detig gibt nur mit dem Namen Horitsune II an, den er über meine Publikation über ihn kennt. Horitsune kennt er nicht persönlich.

Beim Boss Inoue Takahiko will Detig einen Drachen als Hautdekoration gesehen haben. Er hatte aber einen chinesischen Löwen (karajishi) eingestochen. Das Buch ist voll solch faktischer Fehler, Verdrehungen und der Vortäuschung falscher Tatsachen. Es entspricht keinerlei wissenschaftlichen Kriterien, ja nicht einmal den minimalsten journalistischen Standards. Es werden keine Daten genannt, an denen die beschriebenen Stelldicheins mit den Yakuza stattgefunden haben sollen. Es gibt keine Quellenangaben, so gut wie keine Hinweise auf Kontaktpersonen oder Informanten. Kein einziger Hinweis auf die einschlägige Literatur ist zu finden, da dies wohl das angeberische Getue, dass Herr Detig der einzige Yakuza-Experte und einzige Ausländer, der je mit Yakuza interagiert hat, durchschaubar machen würde. Nirgends findet sich eine fundierte Analyse zur Stellung der Yakuza innerhalb der japanischen Gesellschaft. Es gibt keine quellenmäßig untermauerte historische Aufarbeitung. Auch in der Gegenwart bleibt alles vage. Es finden sich keine präzise Wiedergabe der Gesetzeslage, keine Kriminalstatistiken oder sonstige quantitative und objektive Darstellungen. Alles wird aus dem Blickwinkel Detigs geschildert, der dabei in seinem narzisstischen Wahn seine gesamte Entourage systematisch ausblendet.

Das Buch ist in acht Kapitel gegliedert, in denen jeweils zentrale Figuren, Yakuza, Ex-Yakuza oder ein Ex-Kriminalbeamter auftreten. Dass Detig z. B. Leute aus der Azuma-gumi vor die Kameralinse bekam, die nun im Buch auftreten, ist erstaunlich und wurde natürlich von Tetsu T. eingefädelt. Die Azuma-gumi ist der Lokalmatador im Tagelöhnerviertel von Osaka, Kamagasaki. “Kama” heißt das Viertel unter ihren Bewohnern. Bei Detig wird es zu Kagasaki (! S. 190) verstümmelt, womit er wieder einmal beweist, dass er mit seinem Sujet alles andere als vertraut ist. Die Azuma-gumi gilt als militant und orthodox, versteht sich aber auch gut auf PR. Die Stärke dieses Buches liegt darin: Detig hatte eine Menge Interviewmatierial, das für ihn ins Deutsche übersetzt und transkribiert worden war. Damit kommen seine Protagonisten direkt und ungeschminkt zu Wort. Das ergibt fraglos lebendige Einblicke in ihre Lebens- und Gedankenwelt. Die Yakuza plaudern aus der Schule und geben mitunter durchaus amüsante Episoden aus ihrem Leben preis. Nur: es fehlt jede Distanz. An keiner Stelle wird darüber reflektiert, was davon reine Selbstdarstellung, Propaganda, Unschuldsplädoyer, Romantisierung oder Schönfärberei sein mag. Die Aussagen der Yakuza werden nirgends hinterfragt oder in einen sachlichen Kontext eingeordnet, z. B. welchen Stellenwert ihr Wertespektrum in der japanischen Gesellschaft insgesamt hat oder ob ihr Geschichtsbild den Fakten entspricht oder nicht etc. . Zudem hat Detig die Äußerungen und Bonmots aus dem Interviewzusammenhang herausgeklaubt und so arrangiert, als würde er mit ihnen im Gespräch stehen. Dazu muss er dann sowohl ein Setting wie auch seinen Dialogpart erfinden und fingieren. Hätte Detig einen Krimi geschrieben, könnte ihm viel nachgesehen werden. Und stilistisch hätte er durchaus das Zeug, bei einem Groschenromanverlag unterzukommen. Aber sich bei jeder Gelegenheit damit zu brüsten, welch todesmutiger investigativer Journalist man sei und dann dermaßen fahrlässig mit seinem Material umzugehen – das geht nicht an.

Es gibt doch kaum ein Sachbuch, in dem nicht in einem Vorwort oder Nachwort den Menschen gedankt wird, die zu seinem Zustandekommen mitgeholfen haben, Recherchen unterstützt oder sonstige Ezzes gegeben haben. Dass dies in Detigs Buch nicht existiert, ist nicht nur Ausdruck dessen, dass er keine Dankbarkeit kennt und die Leute, die ihm assistierten, gnadenlos ausgenützt hat. Es würde auch auffliegen, was das zentrale Ärgernis bei dieser ganzen Makulatur bleibt: die Aufmache. Da spielt sich ein Mann ohne nennenswerte Japanischkenntnisse als Japan- und Yakuza-Experte auf und flunkert so prahlerisch wie unglaubwürdig daher, dass er in Einzelkämpfermanier in die Höhlen der Yakuza vorgedrungen sei. Ad nauseam brüstet er sich damit, investigativer Journalist zu sein. Als solcher sollte er aber einem hohen ethischen Standard verpflichtet sein und nur diamanthart geprüfte Fakten kolportieren. Nun hat Detig aber nicht nur nichts investigiert, sondern sein Text ist langstreckenweise mitnichten investigativ, sondern fiktiv und stellenweise schlicht erdichtet. Auf dem Klappentext lässt er sich als einer “der profundesten Japan-Kenner seiner Branche” feiern. Deshalb glaubt er wohl auch im Buch immer wieder mal Seitenhiebe gegen “die Japanologen” austeilen zu dürfen. Die waren gewiss in meine Richtung gezielt, sie gehen aber auch gegen unsere Zunft. Und es ist eine Verhöhnung all jener, die sich über viele Jahre redlich um den Erwerb der japanischen Sprache und um die Aneignung von Sachkenntnis in Bezug auf Japan bemühen.

Es ist müßig und wäre eine Qual ohne Ende, jedes Klischee, jeden sprachlichen Fehler und jegliche sachliche Unkenntnis in Detigs Buch aufzugreifen und zu zerpflücken. Einige Details dazu können Sie auf meiner Homepage unter “Essays” nachlesen. Das ganze Detig’sche Pamphlet lässt sich wohl nur noch lesen als Lehrstück dafür, wie man sich selbst angemaßte “Japan-Expertise” nicht zur Schau stellen soll – oder als missratenen Roman.

Vorerst dachte ich, dem Buch sei durch Ignorieren am Besten gedient. Dann wiederum sah ich es doch als eine der Aufgaben eines von Detig vielgeschmähten Japanologen, einen selbsternannten Japan-Experten zu demaskieren. Obsta principiis! Man kann Falschgeld nicht kursieren lassen, nur weil es gut gefälscht ist.

 

Wolfgang Herbert