Die okinawanische Diaspora auf den jap. Hauptinseln

okinawa-diasporaRabson, Steve (2012): The Okinawan Diaspora in Japan – Crossing the Borders Within. University of Hawai’i Press: Honolulu. 312 Seiten. 55 US-Dollar. ISBN: 978-0-8248-3534-7

 

 

 

Erstmals in englischer Sprache beschreibt Rabson in seinem Buch die soziokulturelle Situation der okinawanischen Diaspora auf den japanischen Hauptinseln. Rabsons Beschreibung basiert auf über 100 Zeitzeugen-Interviews mit okinawanischen Migranten der ersten oder zweiten Generation und einer eigenen Umfrage zu soziokulturellen Praktiken innerhalb der okinawanischen Gemeinschaft in Japan mit über 300 beantworteten Fragebögen.  Auf Basis dieser selbst erhobenen Daten, bisheriger Forschung und historischer Quellen zeichnet Rabson die Geschichte der innerjapanischen Migration der Okinawaner seit 1900 bis in die heutige Zeit nach und vergleicht abschließend die okinawanischen Erfahrungen mit anderen Minderheiten innerhalb Japans.

In der Einleitung führt Rabson die Leser mit einigen allgemeinen Angaben zur gegenwärtigen okinawanischen Diaspora, Forschungsansätzen der Diaspora- und Minderheitenforschung und seinen persönlichen Motiven zur Okinawaforschung an die Thematik heran. Im Anschluss an diese allgemeine Einführung folgt Kapitel 1 („The Homeland“), in dem der Autor einen pointierten Überblick zur Geschichte des Ryūkyū-Königreichs liefert, das mit der Integration in den japanischen Nationalstaat 1879 zur Präfektur Okinawa umbenannt wurde. Beginnend mit den ersten archäologischen Funden zur Besiedlung der Ryūkyū-Inseln bis zur heutigen Zeit beschreibt Rabson hier die wesentlichen Entwicklungen und Wendepunkte der Geschichte dieser Region, sodass der Zugang zu den zentralen Kapiteln des Buches auch für Leser ohne Vorkenntnisse der okinawanischen Geschichte vereinfacht wird.

In Kapitel 2 („High Hopes and Broken Promises [1900 – 1920]“) beschreibt der Autor, dass für die Edo-Zeit nur zwei Beispiele für eine dauerhafte Migration von Okinawa auf die japanischen Hauptinseln zu finden seien. Hierbei handelt es sich erstens um Fischer aus Itoman, die eine neue Fangtechnik mit nach Japan brachten. Zweitens um gegenwärtige Bewohner der Präfektur Gifu mit okinawanischen Nachnamen, die möglicherweise zur Zeit der Satsuma-Besetzung Okinawas in der Edo-Zeit als Arbeiter angeworben worden waren. Die ersten Migranten in der Meiji-Zeit waren okinawanische Händler, die jedoch landesweit schnell der Konkurrenz der Händler aus Osaka weichen mussten. In Folge der Dominanz der Händler aus Osaka wurde Okinawa primär als Rohstoff- (insbesondere Zucker) und Arbeitskräftelieferant für die Industrie des jungen japanischen Nationalstaats betrachtet. Systematisch und unter falschen Versprechungen wurden Okinawaner für die entbehrungsreiche und gefährliche Arbeit in den japanischen Textilfabriken angeworben.

In Kapitel 3 („Moving for a Better Life [1921-1937]“) beschreibt Rabson die zunehmende Migration aus Okinawa und die Erschaffung erster institutioneller Strukturen in Form von Okinawa-kenjinkai (Okinawa-Vereinen). Durch den Kollaps des Zuckerpreises im Jahr 1921 wurde vielen okinawanischen Kleinbauern die Einkommens- und damit Lebensgrundlage entzogen. Der Begriff der sotetsu jigoku („palm fern hell“) beschreibt, dass Okinawaner zu dieser Zeit, um dem Hungertod zu entgehen, die giftigen Früchte des Sagobaums aßen. Zahlreiche junge Menschen verließen Okinawa, um durch Erwerbsarbeit auf den japanischen Hauptinseln, Hawaii, Südamerika und den Philippinen die eigene Familie in Okinawa zu unterstützen.

Okinawa-kenjinkai etablierten sich in Tokyo (1921) und Kansai (1924) auf Basis bereits vorhandener informeller Netzwerke okinawanischer Migranten und fungierten als integrierende Institution, um Neuankömmlingen aus Okinawa, die zahlreichen Diskriminierungen ausgesetzt waren, den Einstieg in den japanischen Alltag und in das Arbeitsleben zu vereinfachen. In den 1920ern entbrannte innerhalb dieser Gemeinschaften jedoch ein Streit über die Fragen, inwieweit man sich an die japanische Mehrheitsgesellschaft anpassen solle und ob eine Zusammenarbeit mit der japanischen Arbeiterbewegung die Diskriminierung von Okinawanern auf dem Arbeitsmarkt eindämmen könne. Da viele Mitglieder der Okinawa-kenjinkai ebenfalls in der Arbeiterbewegung aktiv waren, nahmen die staatlichen Repressionen gegenüber der Kenjinkai zu. Dies wiederum führte zu einer Abnahme der Aktivitäten der Kenjinkai. 1931 folgte eine Neugründung der Okinawa-kenjinkai in Osaka als „elitärer Zirkel“ ohne aktive Mitglieder der Arbeiterbewegung.

In Kapitel 4 („Wartime [1937-1945]“) beschreibt der Autor die Kriegserfahrungen aus Sicht der Okinawaner. So nahm die Zahl der okinawanischen Arbeitsmigranten auf den japanischen Hauptinseln stark zu, da die Rüstungsindustrie aufgrund des Krieges unter Arbeitskräftemangel litt. In der repressiven Kriegszeit beschränkten sich die Aktivitäten der Okinawa-kenjinkai auf ein Minimum und obgleich viele Okinawaner dem Krieg gegenüber skeptisch eingestellt waren, mussten sie doch insbesondere aufgrund ihrer angenommenen Andersartigkeit umso vehementer beweisen, dass sie treue Untertanen des Kaisers waren. Die okinawanische Diaspora litt schließlich im Krieg doppelt: Die Arbeit in der Rüstungsindustrie führte dazu, dass viele okinawanische Arbeiter in den Industriegebieten Opfer alliierter Luftschläge wurden, und gleichzeitig forderte die Schlacht um Okinawa die Leben zahlloser Angehöriger in der Heimat.

In Kapitel 5 („An Occupied Homeland [1945-1972]“) beschreibt Rabson, wie die Besetzung Okinawas durch das US-Militär auch das Leben der okinawanischen Gemeinschaft im Rest Japans prägte. Die erzwungene Inaktivität der Okinawa-kenjinkai während der repressiven Kriegszeit war vorbei und die Vereine gingen dazu über, als verbindende Institution zwischen der besetzten Heimat und den im Rest Japans „gestrandeten“ Okinawanern zu fungieren. So konnten im Jahr 1946 trotz restriktiver Einreisepolitik 140 000 Okinawaner in ihre Heimat zurückkehren. Während die Okinawa-kenjinkai in Kobe sich in der Nachkriegszeit für die Rückführung Okinawas in den japanischen Nationalstaat und ein Ende der US-Herrschaft einsetzte, blieb der Verein in Osaka diesem Prozess gegenüber skeptisch eingestellt.
In Kapitel 6 („Being Okinawan in Japan Today [1972-]“) beschreibt Rabson die Zeit nach der Rückkehr der Präfektur Okinawa in den japanischen Nationalstaat.

Die bereits beschriebene politische Neutralität der Okinawa-kenjinkai in Osaka führte zur Abspaltung und Neugründung von Vereinen, die die Verminderung von US-Militärbasen forderten. Diskriminierung war bis in die 1980er noch weit verbreitet und prägte das Selbstbild der Okinawaner außerhalb ihrer Heimat. So bezeichneten Okinawaner in Osaka die erste Eisa-Aufführung (okinawanischer Tanz) als „peinliche Tradition“  (204), während der Autor der Meinung ist: „Okinawans should not measure the value of their identity and culture by mainlanders’ views of them“ (202). Im Zuge des Okinawa-Booms der 1990er wandelte sich die allgemeine Meinung bezüglich Okinawa zwar zum Positiven, jedoch wird die Prämisse der Andersartigkeit Okinawas weiterhin unkritisch übernommen.

In Kapitel 7 („The Minority Experience in Japan“) vergleicht der Autor die Erfahrungen der Okinawaner auf den japanischen Hauptinseln mit anderen Minderheiten wie Zainichi-Koreanern, Burakumin, Ainu und Chinesen und zeigt Parallelen und Unterschiede zu den jeweiligen Gruppen auf. Der Autor zitiert den ehemaligen japanischen Gesundheitsminister Kawasaki Jirô mit den Worten: „I do not think that Japan should ever become a multiethnic society“ (253), um aufzuzeigen, welche „innere Grenzen“ für Okinawaner in der als homogen postulierten japanischen Mehrheitsgesellschaft auch heute noch existieren.

Insgesamt ist Rabsons Überblick über die okinawanische Diaspora innerhalb Japans sehr lesenswert und auch für Studierende, die keine Kenntnisse der okinawanischen Geschichte haben, zu empfehlen. Der Fokus auf die Okinawa-Vereine ist als Startpunkt seiner Forschung sicherlich sehr naheliegend gewesen, jedoch fallen so die Okinawaner, die sich nicht in diesen Vereinen organisierten bzw. die nur temporär außerhalb Okinawas lebten, heraus. Die Rolle dieser Vereine darf zwar keinesfalls unterschätzt werden, jedoch nimmt ihre Bedeutung in der jüngeren Zeit durch die zunehmende Assimilierung der jüngeren Generation ab.
So sind insbesondere die historischen Kapitel bis zur Rückkehr in den japanischen Nationalstaat äußerst lesenswert und aufschlussreich. Steht Okinawa als Akteur zwischen den geopolitischen Interessen Japans und den USA allein schon unter starkem Druck, so ist die Rolle der okinawanischen Diaspora außerhalb der Heimat nochmals ambivalenter. Rabson illustriert die historische Erfahrung von Diskriminierung mit anschaulichen Zeitzeugeninterviews, und auch der Vergleich mit anderen Minderheiten in Japan, obgleich sehr rudimentär, hilft bei der Kontextualisierung der Geschichte der okinawanischen Diaspora. Eine Schwäche dieses Überblickwerks ist sicherlich das Kapitel zur aktuellen Rolle der Okinawavereine. Dass jüngere Generationen, die nicht in Okinawa aufgewachsen sind, sich gleichermaßen kulturell als Okinawaner fühlen, darf stark hinterfragt werden.

Adam Jambor